Schlagwort-Archive: Peseschkian

VOM MUT EINE PROBE ZU WAGEN

Standard
VOM MUT EINE PROBE ZU WAGEN

Ein König stellte für einen wichtigen Posten an seinem Hofe seinen Hofstaat auf die Probe. Er führte seine Untergebenen zu einem Felsen in einem entlegenen Winkel des Palastgartens. Der Felsen war groß und schien tief in der Erde verwachsen. ,,Wer von euch kann diesen Stein bewegen“, fragte der König. Einer nach dem anderen trat vor, schätzte den Stein von weitem ab, sagte ,,nein“ und trat zurück. Andere hörten, was ihre Vorgänger gesagt hatten und schlossen sich deren Ansicht an. Ein Wesir aber legte seinen Umhang ab, stemmte sich gegen den Stein, der keinen Millimeter nachgab, trat dann zurück und sagte: ,,Mein Herr, auch ich kann diesen Stein nicht bewegen.“ Der König sprach: ,,Du wirst die Stelle am Hof erhalten, denn du verläßt dich nicht nur auf das, was du siehst oder was du hörst, sondern setzt deine eigenen Kräfte ein und wagst eine Probe.“

Nossrat Peseschkian

Selber wissen was richtig ist

Standard
Selber wissen was richtig ist

Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagsglut durch die staubigen Gassen von Keshan.
Der Vater saß auf dem Esel, den der Junge führte.

„Der arme Junge“, sagte da ein Vorübergehender. „Seine kurzen Beinchen versuchen mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man so faul auf dem Esel herumsitzen, wenn man sieht, dass das kleine Kind sich müde läuft.“

Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen.

Gar nicht lange dauerte es, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „So eine Unverschämtheit. Sitzt doch der kleine Bengel wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater daneben herläuft.“

Dies schmerzte den Jungen und er bat den Vater, sich hinter ihn auf den Esel zu setzten.

„Hat man so was schon gesehen?“ keifte eine Frau, „Solche Tierquälerei! Dem armen Esel hängt der Rücken durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre er ein Diwan. Die arme Kreatur!“

Die Gescholtenen schauten sich an und stiegen beide, ohne ein Wort zu sagen, vom Esel herunter.

Kaum waren sie wenige Schritte neben dem Tier hergegangen, machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich nicht sein. Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und noch nicht einmal einen von euch trägt?“

Der Vater schob dem Esel eine Hand voll Stroh ins Maul und legte seine Hand auf die Schulter des Sohnes.

„Gleichgültig, was wir machen“, sagte er, „es findet sich doch jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“

(Aus: Peseschkian. Der Kaufmann und der Papagei)

Der Traum des Königs

Standard
Der Traum des Königs

Ein König hatte einen beunruhigenden Traum. Darin sah er, wie ihm alle Zähne ausfielen. Besorgt ließ er seinen Traumdeuter kommen. Der König erzählte ihm von seinem Traum. Der Traumdeuter hörte ihm aufmerksam zu, dann sprach er zum König:

„Mein König, ich muss Ihnen leider eine schlimme Nachricht mitteilen. Sie werden alle Ihre Angehörigen und Freunde nacheinander verlieren – genauso wie im Traum Ihre Zähne.“

Der König wurde wütend und ließ den Traumdeuter in den Kerker werfen. Dann holte er einen anderen Traumdeuter zu sich. Auch diesem erzählte er seinen Traum und fragte ihn, was dieser Traum wohl zu bedeuten hätte.

„Mein König, ich bin froh Ihnen eine freudige Mitteilung zu machen. Sie werden älter werden als all Ihre Angehörigen. Sie werden sie alle überleben.“

Der König war ob der Botschaft glücklich und belohnte den Traumdeuter.

„Aber du hast dem König doch nichts anderes mitgeteilt, als der Traumdeuter, der jetzt im Kerker sitzt. Warum hat dich der König so reich belohnt?“, wollten die Menschen wissen.

Der Traumdeuter antwortete: „Stimmt, den Traum haben wir beide gleich gedeutet. Aber es kommt immer darauf an, wie man etwas sagt.“

Nossrat Peseschkian (iranisch-deutscher Psychotherapeut, geb. 1933):

Selber wissen was richtig ist

Standard
Selber wissen was richtig ist

Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagsglut durch die staubigen Gassen von Keshan.
Der Vater saß auf dem Esel, den der Junge führte.

„Der arme Junge“, sagte da ein Vorübergehender. „Seine kurzen Beinchen versuchen mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man so faul auf dem Esel herumsitzen, wenn man sieht, dass das kleine Kind sich müde läuft.“

Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen.

Gar nicht lange dauerte es, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „So eine Unverschämtheit. Sitzt doch der kleine Bengel wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater daneben herläuft.“

Dies schmerzte den Jungen und er bat den Vater, sich hinter ihn auf den Esel zu setzten.

„Hat man so was schon gesehen?“ keifte eine Frau, „Solche Tierquälerei! Dem armen Esel hängt der Rücken durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre er ein Diwan. Die arme Kreatur!“

Die Gescholtenen schauten sich an und stiegen beide, ohne ein Wort zu sagen, vom Esel herunter.

Kaum waren sie wenige Schritte neben dem Tier hergegangen, machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich nicht sein. Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und noch nicht einmal einen von euch trägt?“

Der Vater schob dem Esel eine Hand voll Stroh ins Maul und legte seine Hand auf die Schulter des Sohnes.

„Gleichgültig, was wir machen“, sagte er, „es findet sich doch jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“

(Aus: Peseschkian. Der Kaufmann und der Papagei)

Nachdenkliches von Nossrat Peseschkian

Standard

 Titel u.a.: Wenn du willst, was du noch nie gehabt hast, dann tu, was du noch nie getan hast:


Auf einer Reise legten Konfuzius und seine Begleiter eine Pause ein. Ein Pferd aus dem Tross lief weg und begann, auf dem Feld eines Bauern zu grasen. Der Bauer ärgerte sich darüber und hielt das Pferd bei sich zurück. Ein Schüler von Konfuzius, ein Gelehrter auf dem Gebiet des Überzeugens, meldete sich freiwillig, um zu dem Bauern zu gehen. Er hielt vor diesem eine bewegende Ansprache. Der Bauer aber schenkte ihm keine Beachtung. Ein einfacher Mann, der seit kurzem mit auf der Reise war, bat Konfuzius: „Lass mich die Aufgabe übernehmen.“ Er sagte zu dem Bauern, „Du hast dein Land hier im Westen und wir haben unseres im Osten. Wenn du zu uns in den Osten kommst, wo du kein Land hast, darf dein Pferd auf unserem Land weiden. Wenn wir in den Westen kommen, wo wir kein Land haben, wo kann dann unser Pferd grasen, wen es nicht auf dein Feld darf?“  Als der Bauer das hörte, war er begeistert. Er sagte: „Klar und einfach zu reden, das ist die rechte Art und nicht so wie der Mann vorher.“ Das Pferd durfte zurückkehren.