Archiv der Kategorie: Metapher

„Geschichten & Weisheiten“

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„Geschichten & Weisheiten“

Große Aufregung im Wald! Es geht das Gerücht um, der Bär habe eine Todesliste.

Alle fragen sich, wer denn nun da draufsteht. Als erster nimmt der Hirsch allen Mut zusammen und geht zum Bären und fragt ihn:

„Entschuldige Bär, eine Frage: Steh ich auch auf deiner Liste?”

„Ja”, sagt der Bär, „du stehst auch auf meiner Liste.”

Voller Angst dreht sich der Hirsch um und läuft weg. Und tatsächlich, nach zwei Tagen wird der Hirsch tot aufgefunden.

Die Angst bei den Waldbewohnern steigt immer mehr und die Gerüchteküche auf die Frage, wer denn nun auf der Liste steht, brodelt.

Das Wildschwein ist das nächste Tier, dem der Geduldsfaden reißt und darauf den Bären aufsucht, um ihn zu fragen, ob es auch auf der Liste stehen würde.

„Ja, auch du stehst auf meiner Liste”, antwortet der Bär.

Verschreckt verabschiedet sich das Wildschwein vom Bären. Auch das Wildschwein fand man nach zwei Tagen tot auf.

Nun bricht Panik bei den Waldbewohnern aus. Nur der Hase traut sich noch zum Bären.

„Hey Bär, steh ich auch auf deiner Liste?”

„Ja, auch du stehst auf meiner Liste!”

„Kannst du mich da streichen?”

„Ja klar, kein Problem!”

Burkhard Heidenberger

Der Papagei und der Zuckersack

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Der Papagei und der Zuckersack

Ein Kaufmann hatte in Indien einen wunderschönen Papagei erworben. Er liebte das Tier und verbrachte seine ganze Freizeit mit ihm. Mal nahm er den Papagei auf die Schulter, mal auf den Kopf und immer belohnte er ihn mit einem Zuckerstückchen. Der Zucker wurde für den Papagei der Inbegriff der Liehe seines Herrn. Eines Abends waren der Kaufmann und der Papagei allein im Hause. Der Kaufmann sagte: ,,Mein Liebster, es ist spät, und ich hin müde. Da heute Abend niemand außer uns im Haus ist, ist es nicht ratsam, dass wir beide schlafen. Wir sind hier nicht sicher also achte auf das Haus, als wärest du ein Wachmann..”

Der Papagei war ganz Ohr und stellte sich vom Kopf bis zur Schwanzfeder auf seine Aufgabe ein. Bald darauf fiel der Kaufmann in wohligen Schlaf, und das Haus lag in tiefer Ruhe. Plötzlich schlug ein Wurfhaken über die Mauer und an einem Seil zog sich behände ein Einbrecher hoch. Auf leisen Sohlen drang er ins Haus ein. Alles, was er sah, packte er in Säcke und Beutel, außer dem Zuckersack, der seinen Blicken entging. Schließlich blieb nur das leere Haus mit dem gefiederten Wachtmeister dem Zuckersack und dem schlafenden Kaufmann übrig.

Am nächsten Morgen, als der Kaufmann aufwachte, sah er um sich herum gähnende Leere. Kein Teppich bedeckte mehr den Boden oder die Wände. Vergeblich suchte er in den leeren Räumen. ,,All mein Hab und Gut hat sich aufgelöst wie Rauch im Wind. Das Haus ist leer wie mein Handteller. Wo sind die Seiden Teppiche?“, stöhnte der Kaufmann ,,Sei beruhigt“, antwortete der Papagei, ,,der Zuckersack ist noch da!“ ,,Wo sind die Juwelen?“ ,,Rege dich nicht auf der Zuckersack ist noch da!“ ,,Wo sind die Kostbarkeiten, an denen sich meine Seele erfreute?“ ,,Sei still, der Zuckersack ist noch da.“ ,,Wer war in der Nacht in unserem Haus?“, fragte verzweifelt der Kaufmann. ,,Ein Mann kam, aber es dauerte nicht lange, dann ging er wieder seines Weges erwiderte der Papagei. ,,Glaube mir“, beteuerte er ,,nicht ein Zuckerkörnchen ist abhanden gekommen. Alles, was du mir gesagt hast, habe ich  beherzigt. Die ganze Nacht habe ich den Zuckersack nicht aus den Augen gelassen. Für uns ist doch der Zucker das Wertvollste, mein Herr! Wie soll ich wissen, was für die wertvoll ist!

Nach P. Etassami‘ persische Dichterin

Ein Adler unter Hühnern

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Ein Adler unter Hühnern
Einst fand ein Mann das Ei eines Adlers und legte es in das Nest einer Henne. Der Adler schlüpfte mit den Küken und wuchs gemeinsam mit ihnen auf. Und da er dachte, er sei einer von ihnen, benahm er sich ein Leben lang wie die Hühner. Er suchte in der Erde nach Würmern und Insekten. Er gluckste und gackerte. Und manchmal hob er seine Flügel und flog ein paar Meter – wie die Hühner.
Doch eines Tages sah er einen herrlichen Vogel hoch oben am Himmel kreisen. Anmutig und hoheitsvoll ließ er sich von den Winden tragen, fast ohne mit seinen Flügeln zu schlagen. Der junge Adler blickte voller Bewunderung empor.
„Wer ist das?“, fragte er die Hühner. „Das ist der Adler, der König der Vögel“, antwortete ihm eins. „Aber reg dich nicht auf. Du und ich sind von anderer Art.“ Der junge Adler aber schaute erneut nach oben, und eine ungewohnte Erregung befiel ihn.
Er begann mit seinen Flügeln zu schlagen. Erst zaghaft, dann immer schwungvoller, und dann passierte es: Mit einem Schrei hob er ab in die Lüfte und schwebte für immer davon.
Verfasser unbekannt

Geschichte zum Nach-Denken: Der Blick in die Zisterne

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Geschichte zum Nach-Denken: Der Blick in die Zisterne
Zu einem Mönch kamen eines Tages zwei Europäer, die ihn fragten: „Welchen Sinn siehst Du in der Stille und in der Meditation?“ Der Mönch war gerade mit dem Schöpfen von Wasser aus einer tiefen Zisterne beschäftigt. Lächelnd antwortete er seinen Besuchern: „Schaut in die Zisterne! Was seht ihr?“ Die Besucher blickten in die tiefe Zisterne. „Wir sehen nichts.“
Nach einer kurzen Weile forderte der Mönch sie wieder auf: „Schaut in die Zisterne! Was seht ihr?“ Die Leute blickten erneut in die Zisterne. „Ja, jetzt sehen wir uns selber“! Der Mönch sprach: „Schaut, als ich vorher Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille. Man sieht sich selber! Und nun wartet noch eine Weile.“ Nach einiger Zeit sagte der Mönch: „Schaut jetzt in den Brunnen. Was sehr ihr?“ Die Menschen schauten hinunter: „Nun sehen wir die Steine auf dem Grund des Brunnens.“
Da erklärte der Mönch: „Das ist die Erfahrung der Stille und der Meditation. Wenn man lange genug wartet, sieht man den Grund aller Dinge.“
Sufi-Geschichte

Die Zauberperle

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Die Zauberperle
Der gelbe Kaiser reiste nordwärts vom Roten See, bestieg den Berg Kun-Jun und schaute gegen Süden. Auf der Heimfahrt verlor er seine Zauberperle.
Er sandte das Wissen aus, sie zu suchen, aber das Wissen fand die Perle nicht.
Er sandte die Klarheit aus, sie zu suchen, aber die Klarheit fand die Perle ebenfalls nicht.
Er sandte schließlich die Redegewandtheit aus, sie zu suchen, aber auch die Redegewandtheit blieb erfolglos.
Endlich sandte er Absichtslos aus, und dieser fand die Perle. „Seltsam fürwahr“, sprach der Kaiser, „dass Absichtslos sie zu finden vermochte.“
Ursprung: TSCHUNG-TSE, S.48