Die Menschen zu nehmen wissen
Ein Mann war in einen Brunnen gefallen und hatte sich eingekeilt, als Mulla Nasrudin vorüber kam. Das Wasser stieg langsam höher, doch auf die Rufe der Helfer „Gib uns deine Hand!“ reagierte der Mann nicht. Nasrudin schob sich durch die gaffende Menge, beugte sich zu dem Mann hinunter und sagte: „Mein Freund, welchen Beruf übst du aus?“ „Ich bin Steuerprüfer“, ächzte der Mann. „In diesem Fall“, brüllte Mulla Nasrudin, „Nimm meine Hand!“ Sofort ergriff der Mann die Hand und Nasrudin zog ihn herauf in Sicherheit. Der Mulla drehte sich zu der verblüfften Menge um und sagte: „Niemals den Mann von der Steuer darum bitten, euch etwas zu geben, Ihr Schwachköpfe!“
___________________________________________________________________________________________________________________________
Es gibt eine wunderschöne Geschichte von einem blinden und einem verkrüppelten Bettler, die beide außerhalb eines Dorfes im Wald lebten.
Natürlich waren sie Konkurrenten, Feinde, denn Betteln ist ein Geschäft.
Aber eines Tages brach ein Feuer im Wald aus. Der Krüppel konnte nicht entkommen, da er sich allein nicht bewegen konnte. Er hatte Augen, um zu sehen, auf welchem Weg sie laufen konnten, um dem Feuer zu entkommen, aber was nützt einem das, wenn man keine Beine hat? Der Blinde hatte Beine und konnte sich schnell bewegen, um vor dem Feuer wegzurennen, aber wie sollte er die Stellen finden, wo das Feuer noch nicht hingekommen war?
Beide wären im Wald umgekommen, bei lebendigem Leibe verbrannt.
In dieser Notlage vergaßen sie ihre Konkurrenz und hören sofort auf zu streiten – es war die einzige Möglichkeit zu überleben.
Der Blinde nahm den Krüppel auf seine Schultern, und sie fanden den Weg aus dem Feuer heraus.
Der eine sah den Weg, und der andere bewegte sich entsprechend.
Ist es nicht eigenartig, dass wir nur dann zusammenarbeiten, wenn wir von aussen bedroht werden oder einen gemeinsamen Feind haben?
Wäre es nicht toll, wenn wir auch ohne Feuer teilen könnten?
**************************************************************************************************************
Den Mond schenken
Eines Nachts brach ein Dieb in die bescheidene Hütte des Zen-Meisters
Ryokan Daigu ein, die hoch oben in den Bergen lag. Er durchwühlte die
Wohnstätte des Meisters, konnte aber nichts finden, das es sich mitzunehmen
lohnte.
Als Meister Ryokan von seiner nächtlichen Wanderung zurück und zur
Tür hineinkam und den Einbrecher überraschte, sah er das enttäuschte
Gesicht des Diebes. Darauf sagte er: “Der Weg hier hinauf zu mir war
lang und beschwerlich. Ich will dich nicht mit leeren Händen gehen lasssen.
Deshalb schenke ich dir meine Kleider.”
Der Dieb war verblüfft, ergriff aber hektisch die Kleider des Meisters und
rannte Hals über Kopf davon.
Ryokan setzte sich nackt vor seine Hütte und schaute in den sternklaren
Himmel hinauf. “Der arme Mensch. Ich bedauere, dass ich ihm diesen
wunderschönen Mond nicht schenken kann.”
(aus “Was ist die ewige Wahrheit?” von M. Aldinger, 1998)
_____________________________________________________________________________________________
Der Blinde und der Lahme oder Die Integration von Vernunft und Intuition
Es gibt eine alte Sufi-Geschichte:
Ein Blinder irrt orientierungslos durch den Wald. Plötzlich stolpert er über etwas am Boden und fällt der Länge nach hin. Als der Blinde auf dem Waldboden herumtastet, entdeckt er, dass er über einen Mann gefallen ist, der am Boden kauerte. Dieser Mann ist ein Lahmer, der nicht laufen kann.
Die beiden beginnen ein Gespräch miteinander und klagen sich gegenseitig ihr Schicksal. „Ich irre schon seit ich denken kann in diesem Wald herum und finde nicht wieder heraus, weil ich nicht sehen kann.“ ruft der Blinde aus. Der Lahme sagt: „Ich liege schon, seit ich denken kann, am Boden und komme nicht aus dem Wald heraus, weil ich nicht aufstehen kann.“
Und während sie sich so unterhalten, ruft der Lahme plötzlich aus: „Ich hab’s! Du nimmst mich auf den Rücken, und ich werde dir sagen, in welche Richtung du gehen musst. Zusammen können wir aus dem Wald herausfinden.“
Laut Aussage des alten Geschichtenerzählers symbolisiert der Blinde die Rationalität, der Lahme die Intuition. Auch wir werden aus dem Wald nur herausfinden, wenn wir lernen beide zusammenzubringen.
aus: Peter M. Senge: Die fünfte Disziplin, leicht geändert
**************************************************************************************************************
Der Schmetterling
Eine junge, stachelige Raupe träumte davon, wunderschön und frei zu sein. Doch die anderen Raupen um sie herum redeten ihr ständig ein: Man ist nun einmal das, was man ist. Wir müssen uns so annehmen, wie wir sind. Mit Haut und Haaren. Was zählt, sind alleine Fakten. Alles andere ist nur leere Träumerei! Niemand kann nun einmal aus seiner Haut!
Die junge Raupe konnte dies nicht glauben und glaubte vielmehr an ihre Träume und Wünsche. Als die alten Raupen wieder einmal der jungen die Fantastereien ausreden wollten, flog neben ihnen plötzlich ein wunderschöner Schmetterling auf …
:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
Das tote Pferd
Eine Weisheit der Dakota-Indianer sagt:
„Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“
Doch wir Manager versuchen oft andere Strategien, nach denen wir in dieser Situation handeln:
- Wir besorgen eine stärkere Peitsche.
- Wir wechseln die Reiter.
- Wir sagen: „So haben wir das Pferd doch immer geritten.“
- Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
- Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde
reitet. - Wir erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt
toter Pferde. - Wir bilden eine Task Force, um das tote Pferd wiederzubeleben.
- Wir schieben eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu
lernen. - Wir stellen Vergleiche unterschiedlich toter Pferde an.
- Wir ändern die Kriterien, die besagen, ob ein Pferd tot ist.
- Wir kaufen Leute von außerhalb ein, um das tote Pferd zu
reiten. - Wir schirren mehrere tote Pferde zusammen an, damit sie schneller
werden. - Wir erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, dass man es
nicht noch schlagen könnte. - Wir machen zusätzliche Mittel locker, um die Leistung des
Pferdes zu erhöhen. - Wir machen eine Studie, um zu sehen, ob es billigere Berater
gibt, die einem sagen könnten, ob ein Pferd wirklich tot ist. - Wir kaufen etwas zu, das tote Pferde schneller laufen lässt.
- Wir erklären, dass unser Pferd „besser, schneller und
billiger“ tot ist. - Wir bilden einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung
für tote Pferde zu finden. - Wir überarbeiten die Leistungsbedingungen für Pferde.
- Wir richten eine unabhängige Kostenstelle für tote
Pferde ein.
In Krisenzeiten hätte diese Weisheit folgendermassen gelautet (nachzulesen in zahlreichen Berichten alter Dakota über ihr Leben vor der Reservationszeit):
„Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab und iss es.“
____________________________________________________________________________________________
Der Adler
Ein Mann – so wird erzählt – fing sich im Wald einen jungen Adler. Er nahm ihn mit nach
Hause und steckte ihn zu seinen Hühnern in den Hühnerstall. Er gab ihm Hühnerfutter zu
fressen, obwohl er doch ein Adler war, der König der Vögel, der König der Lüfte!
Nach fünf Jahren kam einmal ein anderer Mann zu Besuch, der verstand etwas von Naturkunde.
Dem fiel der Adler auf und er sagte: „Der Vogel dort ist kein Huhn, sondern ein Adler.“ „Ja“,
sagte der Mann, „das stimmt. Aber ich habe ihn zu einem Huhn erzogen. Er ist jetzt kein Adler
mehr, sondern ein Huhn.“ „Nein“, sagte der andere, „er ist noch immer ein Adler, denn er hat das
Herz eines Adlers und das wird ihn hoch hinauf fliegen lassen in die Lüfte“. „Nein, nein“, sagte der
Mann, „er ist jetzt ein richtiges Huhn geworden und wird niemals mehr wie ein Adler fliegen“.
Darauf beschlossen sie, eine Probe zu machen. Der vogelkundige Mann nahm den Adler, hob ihn
in die Höhe und sagte beschwörend: „Der du ein Adler bist, der du dem Himmel gehörst und nicht
dieser Erde, breite deine Schwingen aus und fliege!“ Der Adler auf der Hoch gestreckten Faust
blickte sich um. Hinter sich sah er die Hühner nach ihren Körnern picken und er sprang zu ihnen
hinunter und pickte mit.
Der naturkundige Mann gab aber noch nicht auf. Am nächsten Tag stieg er mit dem Adler am Arm
auf das Dach des Hauses, hob ihn empor und sagte: „Adler, der du ein Adler bist, breite deine
Schwingen aus und fliege!“ Aber als der Adler wieder die scharrenden Hühner im Hof erblickte,
sprang er zu ihnen hinunter und scharrte mit.
Da sagte der Mann: „Ich habe es dir ja gesagt, er ist ein Huhn und er bleibt ein Huhn.“ „Nein“, sagte
der andere, „Er ist ein Adler und er hat noch immer das Herz eines Adlers. Lass es uns noch ein
einziges Mal versuchen. Morgen werde ich ihn fliegen lassen.“
Am nächsten Morgen ging er mit dem Adler vor die Stadt auf einen hohen Berg. Er hob den Adler
empor und sagt zu ihm: „Adler, du bist ein Adler. Du gehörst dem Himmel, nicht dieser Erde. Breite
deine Schwingen aus und fliege!“ Der Adler zitterte, aber er flog nicht. Da ließ ihn der naturkundige
Mann direkt in die Sonne schauen und plötzlich breitete der Adler seine Schwingen aus, erhob sich
mit dem Schrei eines Adlers in die Luft und kehrte nie wieder zurück.
____________________






very interesting, but I don’t agree with you
Idetrorce